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Ein Fisch klärt auf.

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  • Ein Fisch klärt auf.

    Eine Geschichte zu den guten Vorsätzen für das kommende Jahr 2017.

    Nachhaltig, ressourcenschonend, umweltschonend, sind Worte mit erheblicher Signalwirkung. Es soll die Umwelt geschont werden, was heisst, dass man bei der Produktion seiner Güter, seien es nun Verbrauchs-oder Gebrauchsgüter verstärkt darauf achten soll, damit die Luft, das Wasser und die Erde nicht geschädigt werden.
    Unter dieser Prämisse leben ganze Volks-und Betriebswirtschaftszweige, Gruppen, Einzelpersonen und politische Parteien die sich den “Umweltschutz” auf die Fahnen schrieben. Dabei wurde aber scheinbar vergessen, dass Prämissen nicht unbedingt wahr zu sein brauchen. Ja,-gelegentlich setzt man Prämissen von denen man genau weiss, zumindest vermutet, dass sie genau das Gegenteil von dem was am Ende heraus kommen wird und somit falsch sind.
    Da lohnt es sich doch wirklich einmal genauer hinzuschauen.

    Als ein Beispiel will ich die Seiten beleuchten, die sich dem Umweltschutz verschrieben haben und Hand in Hand mit Discountern gehen. Sie beraten sie, machen aufwendige Werbeaktionen und vergeben sich gegenseitig Preise für Förderung und nachhaltige Erzeugnisse. Da werden Fischerzeugnisse in den Verbraucherhimmel gehoben weil die Fische, die den Rohstoff lieferten, vor ihrem Ableben “hervorragend gemanagt” wurden. Was machten die Fische, so frage ich, all die Jahrmillionen, bevor der Manager kam? Aus meiner Kindheit kann ich berichten, dass ich Fische fing, die gigantische Ausmaße in meinen Kinderhänden hatten. Lange, dicke, fette Fische, aus denen meine Mutter ein Essen für die ganze Familie kochen konnte. Mal hing der Kopf des Fisches aus der Pfanne, mal das Ende, mal beides und oft mußte er geteilt werden um hinein zu passen.
    Dann kam der Manager.

    Unsichtbar für uns hegte er die Fische ein, fütterte sie mit allerlei fischgerechter Nahrung aus Soja und Mais aus Uruguay und Argentinien und Medizin zur Krankheitsvorbeugung aus einer Chemiefabrik in der Schweiz, verkürzte, je nach Art, ihre Lebenszeit und machte die Fische gewichtsmässig, breiten- höhen- umfangmässig dosengerecht.
    Um dies alles zu bewerkstelligen organisierte der Manager dann ein Meeting am Meetingpoint mit den Managern für nachhaltigen Fischfang, für Geschmack, Blechdosen, Tomatensoße, Olivenöl, Konservierungsstoffe, Verschlußmaschinen, Kochanlagen, Kühlraumbau, Kartonverpackungen, Kühltransporte, Verkaufsstrategien, Regalpflege und Promotion. Uff!
    Dagegen stand ich mit meiner selbstgebastelten Angelstange und Mutters
    Gußpfanne ganz schön bedeppert am Meetingpoint rum.
    Bei uns wurde der gefangene Fisch geputzt, gewürzt, gebraten oder gekocht, die Soße mit Mehl gebunden und gegessen. Ende.

    Zugegeben, bei unserer Methode wäre nicht ein Millionenheer an Arbeitern, Middlemanager und Topmanager zu einem Broterwerb gekommen. Die hätten dann wahrscheinlich alle neben mir am Fluss oder am Meer gesessen und hätten gequatscht, geraucht und gefischt.
    Wenn dann jeder einen Fisch gefangen hätte, wären sie alle nach Hause gegangen, hätten den Fisch geputzt, gewürzt, gebraten oder gekocht und gegessen.
    Und dann hätten sie sich alle aufs Sofa gelegt, da sie satt und durch die viele frische Luft am Fluss oder am Meer müde waren und ein Nickerchen brauchten.

    Wieder zugegeben, hätten aber meine Fischerkollegen dadurch kein Geld verdient um sich andere Dinge leisten zu können. Zwar hätte die Lebensqualität zugenommen aber der Luxus hätte abgenommen und auf Luxus will man nicht verzichten. Deshalb Dosenfisch.
    Vom geschmacklichen Unterschied will ich erst gar nicht schreiben. Für Mutters Fischgerichte kann ich beruhigt alle Fischkonseren in die Müllpresse werfen. Kein Vergleich. Die Gaumen der Halb-und Vollkonservenfischkonsumierer wurde auf Einheit getrimmt. Was macht das schon, wenn die Soße in der Dose mit Xanthan oder Carrageen verdickt und hier und da der besondere “Pfiff” durch Essig oder Aromen und Zucker ersetzt wurden. Dafür braucht man auch nicht am Fluss oder am Meer zu sitzen und stundenlang zu warten bis einer anbeisst.
    Und hygienisch einwandfrei sind die Dosenfische auch.

    Zwischen dem Auspacken der Fischkonserve aus der Pappschachtel und dem Ringen mit dem Ring-Pull-Verschluß kam mir der Gedanke was so ein Fisch in der Dose alles mitgemacht und verursacht hat.

    Gedanklich habe ich mich dann mit dem Fisch unterhalten.
    “He,- wo kommsten her?” wollte ich wissen und er antwortete mir: “Ich bin Atlantiker!”
    “Hä? Atlantiker sind doch die, die die Brücke von Hamburg nach New York bauen wollen.” “Ich komme aus dem Atlaaantik!” antwortete er mir. “Ach so.”
    “Und wo wurdest du eingedost?” “In Trullerhude an der südöstlichen Nordsee.”
    “Klar, kenne ich.”
    “Und sag mal, was ist denn alles notwendig, damit du da in der Dose auf mich warten konntest?”
    “Dann paß mal schön auf und spitze deine umweltverstaubten Ohren.”

    “Also,- ich lebte in einem großen Schwarm Heringe, der im Nordostatlantik immer rund um einen dicken Müllball schwamm, welcher sich aus Plastik und anderem, sich nicht leicht zersetzenden, Müll gebildet hatte. Dann kam ein Trawler aus Stahl der aus China kam, der mit Diesel angetrieben wurde welches aus Öl aus Saudi-Arabien gemacht und in den USA raffiniert wurde, mit Netzen die in Thailand gefertigt wurden und einer Mannschaft von den Philippinen und fing uns aus dem öligen Wasser. Normalerweise hätte man uns schon an Ort und Stelle eindosen können, soviel Öl war um uns herum.

    Dann wurde das Netz geöffnet und in einer Schussfahrt gings mit mir und meiner ganzen Verwandschaft ab in einen Kühlraum unter Deck, bevor mich eine Möve die, Neptun sei Dank, eine Halskrause aus einem Plastikbecher hatte und dadurch nicht durchs Netz kam, verspeisen konnte. Das letzte was ich sah war eine Schiffsflagge aus England, Schweden, Norwegen oder Dänemark. Mit Kreuz-Flaggen kenne ich mich nicht so aus.

    Mein Glück dauerte aber nur kurze Zeit, denn unter Deck wurden wir alle fertig gemacht, in Styroporkisten aus Deutschland und Eis gepackt und tiefgefroren.
    Nach einigen Tagen Seefahrt landeten wir in einem Hafen, wurden auf LKW aus Schweden geladen die mit Sprit aus den Niederlanden und Reifen aus Deutschland fuhren und acht Stunden mit viel Auspuffqualm über Autobahnen nach Trullerhude an der südöstlichen Nordsee gebracht. Dort wurden wir von polnischen Frauen liebevoll in Dosen gelegt. Danach kam die Tomatensoße. Diese bestand aus ägyptischen und spanischen Tomaten, Gewürzen aus der Türkei, China, Indien, und Madagaskar und Xanthan aus Österreich.
    Ich habe mich wohlgefühlt.

    Das Wohlsein verging mir jedoch als es durch eine deutsche Verschlussmaschine dunkel um mich wurde und ich in einem aus Tschechien stammenden Sterilisationsgerät gekocht wurde. Danach gings ab durch die Ventilatoren- und Kühltunnel aus den Niederlanden, hinein in einen bunten Karton aus Ungarn auf den “Nachhaltiger Fischfang mit Schonung der Ressourcen” gehämmert wurde und in eine Verkaufsverpackung aus Deutschland für die in Brasilien ein Regenwald abgeholzt wurde. So verpackt kamen ich und meine ganze Verwandschaft dann mittels Gabelstapler aus Japan auf einen LKW aus Schweden und wurden sechs Stunden über die Autobahn zu dem Discounter gefahren wo du mich gefunden hast.
    Aber das ist noch gar nichts.

    Die Garnelen, die du zuerst kaufen wolltest, sind von einem Trawler aus Stahl der aus China kam, der mit Diesel angetrieben wurde welches aus Öl aus Saudi-Arabien gemacht und in den USA raffiniert wurde, mit Netzen die in Thailand gefertigt wurden und einer Mannschaft von den Philippinen vor Afrikas Küste aus dem öligen Wasser gefischt worden. Dann wurden sie wochenlang nach Holland geschippert, dort in deutschen Kesseln gekocht, dann auf schwedische LKW die mit Diesel angetrieben wurden welches aus Öl aus Katar gemacht und in der Türkei raffiniert wurde vierundzwanzig Stunden nach Marokko gefahren, dort von netten Marokkanerinnen gepult wurden um dann auf französische LKW geladen zu werden die mit Sprit aus Tunesien und Reifen aus Spanien fuhren und vierundzwanzig Stunden mit viel Auspuffqualm über Autobahnen zurück nach Trullerhude an der südöstlichen Nordsee gefahren wurden, dort eingedost wurden, sterilisiert wurden und neben mir im Regal als “Fangfrische Atlantikgarnelen” angeboten wurden. Und jetzt bist du dran.”
    Mein Gott kann der Fisch quasseln.

    Meine Gedanken gingen zurück zum Flussufer wo ich einen Fisch aus dem Wasser zog, mich dann aufs Fahrrad setzte und meiner Mutter nach einer halben Stunde den frisch gefangenen Fisch übergab.
    Scheinbar haben viele Menschen vergessen, dass Prämissen nicht unbedingt wahr zu sein brauchen. Ja,-gelegentlich setzt man Prämissen von denen man genau weiss, zumindest vermutet, dass sie genau das Gegenteil von dem was am Ende heraus kommen wird und somit falsch sind.
    Ressourcen zu schonen heisst nachdenken. Nachdenken ueber das was man wirklich braucht, wie es beschaffen sein soll und wie und wo man es beschaffen kann.
    Und die Moral von der Geschicht? Vergiss die kurzen Wege nicht!

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